Wetter und Energiepreise: Gebäudeverbrauch richtig bewerten

Ein höherer Heizverbrauch im Januar sagt wenig, solange das Wetter nicht herausgerechnet ist. Die Witterungsbereinigung rechnet den Verbrauch auf ein durchschnittliches Klimajahr um. Erst dann lassen sich Jahre und Standorte fair vergleichen und steigende Kosten richtig deuten.

Was ist Witterungsbereinigung?

Witterungsbereinigung ist ein Verfahren, das den wetterabhängigen Teil des Energieverbrauchs auf ein langjähriges Mittel umrechnet. Grundlage sind Gradtagzahlen nach VDI 3807. Sie zeigen, wie kalt eine Heizperiode war. Sinkt der Verbrauch in einem milden Winter, ist das Gebäude dadurch noch nicht effizienter geworden.

Die gebräuchliche Kennzahl ist die Gradtagzahl G20/15. Sie geht von 20 °C Raumtemperatur und einer Heizgrenze von 15 °C aus. Jeder Tag mit einer mittleren Außentemperatur unter 15 °C zählt als Heiztag. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) stellt Gradtage nach VDI 3807 und Klimafaktoren je Postleitzahl bereit.

Wie berechnet man den witterungsbereinigten Verbrauch?

Die Formel ist einfach:

Witterungsbereinigter Verbrauch = gemessener Heizverbrauch × (Gradtagzahl im langjährigen Mittel ÷ Gradtagzahl im Messzeitraum)

In der Praxis sind vier Schritte nötig:

  1. Den Heizanteil bestimmen. Warmwasser, Prozessenergie und Beleuchtung hängen kaum vom Wetter ab und werden nicht bereinigt.
  2. Die Gradtagzahlen für Standort und Zeitraum beschaffen, etwa beim DWD.
  3. Den Faktor auf den Heizanteil anwenden.
  4. Das Ergebnis mit dem Vorjahr oder einem Referenzwert vergleichen.

Ein Beispiel: Berlin veröffentlicht für 2024 einen Bereinigungsfaktor von 1,17. Der Winter war also deutlich milder als im 20-jährigen Mittel. Ein gemessener Heizverbrauch von 100 MWh entspricht damit witterungsbereinigt 117 MWh. Wer nur die Rohdaten betrachtet, hätte eine Einsparung gesehen, die das Wetter erzeugt hat.

Wo stößt die Witterungsbereinigung an Grenzen?

Die Bereinigung erklärt nur den Einfluss der Außentemperatur. Andere Ursachen bleiben im Ergebnis enthalten: geänderte Belegung, neue Betriebszeiten, verstellte Sollwerte oder eine defekte Regelung.

Hier helfen Lastgänge. Sie zeigen zum Beispiel, ob die Lüftung nachts weiterläuft oder ob Heizung und Kühlung gleichzeitig arbeiten. Bleibt nach der Bereinigung ein Mehrverbrauch übrig, ist eine Prüfung vor Ort der nächste Schritt.

Für die Kühlung ist das Verfahren weniger standardisiert. Viele Betreiber setzen den Kälteverbrauch direkt ins Verhältnis zur Außentemperatur oder nutzen Kühlgradtage.

Wer diese Analysen im Unternehmen verantwortet und wie die Rolle aufgestellt ist, erklärt unser Beitrag Was macht ein Energiemanager?

Wie wirken sich Energiepreise auf die Analyse aus?

Energiekosten entstehen aus Menge mal Preis. Die Witterungsbereinigung korrigiert nur die Menge. Steigen die Kosten, kann das am Wetter, am Verbrauchsverhalten oder am Preis liegen. Deshalb gehören Verbrauch in kWh und Kosten in Euro in getrennte Auswertungen.

Für die Steuerung ist die Menge die verlässlichere Größe. Preise ändern sich je nach Energieträger, Vertrag und Zeitraum. Bei dynamischen Stromtarifen kommt der Zeitpunkt hinzu: Wer Lasten aus teuren Stunden verschiebt, spart Kosten, ohne weniger zu verbrauchen. Lastgänge in 15-Minuten-Auflösung machen solche Effekte sichtbar.

Wie vergleicht man Standorte in verschiedenen Regionen?

Ein Gebäude in München erlebt einen anderen Winter als eines in Hamburg. Für einen fairen Vergleich braucht jeder Standort seine eigenen Gradtagzahlen. Danach wird der bereinigte Verbrauch auf die Fläche bezogen, also in kWh pro Quadratmeter.

Vergleichbar sind nur Gebäude mit ähnlicher Nutzung. Eine Schule folgt anderen Betriebszeiten als ein Bürogebäude oder eine Verkaufsfläche. Wie sich Daten vieler Standorte zentral erfassen lassen, zeigt unser Artikel Energiedaten an mehreren Standorten.

Häufige Fragen zur Witterungsbereinigung

Muss man den Stromverbrauch witterungsbereinigen?

Nur den Teil, der vom Wetter abhängt, etwa für Wärmepumpen oder Klimaanlagen. Beleuchtung und Bürogeräte bleiben unbereinigt.

Woher bekomme ich Gradtagzahlen?

Der Deutsche Wetterdienst veröffentlicht tägliche Gradtage nach VDI 3807 für seine Messstationen sowie Klimafaktoren je Postleitzahl.

Reicht ein Jahresvergleich der Rechnungen?

Nein. Ohne Bereinigung vermischen sich Wetter, Nutzung und Preise. Monatliche oder tägliche Daten zeigen Abweichungen früher.

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